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26 Juni 2008

Welt-Online vom 26.06.08

 - Nach EM-Halbfinale -
Randalierer greifen Dönerläden in Dresden an
 
Von wegen alles friedlich: Trotz des Siegs der deutschen Nationalmannschaft bei der Fußball-EM gegen die Türkei randalieren Deutsche. In Dresden greift eine Gruppe Döner-Imbisse an und verbrennt türkische Fahnen. Auch in anderen Teilen Deutschlands musste die Polizei durchgreifen.
Randale und fremdenfeindliche Ausschreitungen haben in Dresden und Chemnitz die fröhlichen Jubelfeiern nach dem 3:2-EM-Erfolg der deutschen Fußball-Elf gegen die Türkei überschattet. In Dresden griff eine Gruppe Jugendlicher drei Döner-Buden angegriffen und verletzte zwei Türken. In Chemnitz gingen gewaltbereite Fußballfans nach dem Abpfiff auf die Polizei los. Auch in Leipzig kam es zu Schlägereien.

Tausende Menschen feierten den Einzug der deutschen Nationalmannschaft ins EM-Finale allerdings friedlich. Sie blockierten nach Abpfiff des Spiels mehrere Straßen. Immer wieder stimmten sie die Jubelhymne "Finale, oho! Finale, ohohoho!" an. "Es hupt, Feuerwerkskörper gehen in die Luft, aber keiner schlägt bis jetzt über die Stränge", hieß es bei der Polizei.

In Dresden und Chemnitz kippt die Stimmung

Anders als in den meisten Städten der Republik eskalierte die Situation allerdings in Dresden. In der sächsischen Landeshauptstadt griffen nach dem Sieg Deutschlands über die Türkei deutsche Randalierer einen Dönerläden an. Nach Angaben der Polizei zerstörten sie Fensterscheiben der Imbisse und beschädigten die Einrichtung.

Mehrere Personen, darunter vermutlich die ausländischen Besitzer und Beschäftigte zweier Imbisse, seien verletzt worden. "Uns liegen Meldungen über Sachbeschädigungen und diverse Köperkörperverletzungen vor", sagte Dirk Rohrbeck, Hauptkommissar der Polizei in Dresden, zu WELT ONLINE.
Rohrbeck sprach von einer Gruppe von 30 bis 50 Randalierern in der Dresdner Neustadt. Ein Teil der Gruppe ist demnach als gewaltbereit bekannt. Das Problem: Nach einer öffentlichen Übertragung des Halbfinal-Spiels Deutschland-Türkei (3:2) zogen nicht nur die Randalierer zu den Dönerläden. Außerdem hängten sich zahlreiche Schaulustige an die Schlägertruppe und begafften deren brutales Tun.

"Das ist schon kurios, da gewinnen die Deutschen das Halbfinale, und stattdessen ziehen welche los und zerstören Dönerläden", sagte der Hauptkommissar. Seinen Angaben zufolge waren mehrere Züge der Dresdner Polizei im Einsatz gegen die Randalierer. Gegen ein Uhr am Donnerstagmorgen war die Lage weiter unübersichtlich. Polizeisprecher Rohrbeck sprach sogar von "Flächenbränden" der Gewalt in der Elbe-Stadt.

Aus friedlichen Feiern wurden Straßenschlachten

Auf dem Chemnitzer Marktplatz feierten mehr als 4000 Zuschauer. Am Dresdner Elbufer waren es 10 000 Zuschauer, in Leipzig mehrere Tausend. Weil es in Leipzig keine zentrale Großbildleinwand gibt, haben die Fans das Spiel überwiegend in Biergärten, italienischen Eiscafés und spanischen Tapas-Bars verfolgt.

Mannschaftskapitän Michael Ballack sorgte in seiner Heimatstadt Chemnitz für besonders lauten Jubel, sagte Fanfest-Chef Jürgen Rotter. "Wir haben ihn vor dem Spiel gefeiert, nach dem Spiel gefeiert. Er gehört einfach zu Chemnitz dazu." Obwohl der "Spielverlauf deprimierend" gewesen sei, sei die Stimmung nach Abpfiff "fast Land unter". Zum Finale am Sonntag gegen Russland oder Spanien soll die Fanmeile erweitert werden. Mit der Stadtverwaltung sollen entsprechende Gespräche geführt werden. "Wir sind bereit für 8000 Leute", sagte Rotter.

Nach dem Schlusspfiff schlug die Stimmung aber vor allem in Dresden und Chemnitz um. In der Dresdner Neustadt haben 20 bis 30 Randalierer in zwei Imbissen zunächst lediglich Scheiben eingeschlagen und die Einrichtung beschädigt. In einem dritten Döner-Laden am Albertplatz seien dann auch die Betreiber angegriffen worden. Türkische Fahnen seien abgebrannt worden. Mehrere Schaulustige und Mitläufer verfolgten die Randale.

In Chemnitz wurden sechs Beamte verletzt und mehrere Polizeiautos beschädigt. Wie die Polizei mitteilte, sei die Stimmung nach dem Spiel in der Chemnitzer Innenstadt aufgeheizt gewesen. Als die Einsatzkräfte weitere Ausschreitungen verhindern wollte, habe sich die Gewalt plötzlich gegen die Beamten gerichtet.
Aus Leipzig meldete die Polizei ebenfalls Schlägereien nach dem Ende des Halbfinals. Nach Angaben eines Polizeisprechers waren insgesamt etwa 30 Personen an Ausschreitungen beteiligt. Mehrere Personen hätten Schnitt- oder Platzwunden davon getragen. "Es handelte sich um geringfügige Schlägereien", sagte Polizeioberkommissar Steffen Weyde. Die alkoholisierten Schläger seien zum Teil unterschiedlicher Nationalität gewesen. Von ausländerfeindlichen Übergriffen war der Leipziger Polizei zunächst nichts bekannt. Die Schlägereien seien jeweils schnell aufgelöst worden.

Massenschlägerei verhindert

Am Rande ausgelassener und freidlicher Straßenfeiern in Berlin-Kreuzberg hat die Polizei allerdings eine Massenschlägerei zwischen Türken und Kurden verhindert. In der Adalbertstraße am Kottbusser Tor, einer der türkischen Hochburgen in Berlin, war es nach dem Spiel zwischen rund 150 Kurden und 250 Anhänger der türkischen Mannschaft zu Streit gekommen, wie ein Polizeisprecher am Donnerstag mitteilte. Die Einsatzkräfte seien jedoch in der Nähe gewesen und hätten die Konfliktparteien getrennt.
Ansonsten war es der Polizei zufolge nach dem Spiel in Berlin friedlich zugegangen. Am Kurfürstendamm und an der Fanmeile an der Straße des 17. Juni feierten tausende Deutsche und Türken gemeinsam den Einzug der deutschen Mannschaft ins Finale der Fußball-Europameisterschaft 2008. Auch in weiten Teilen Kreuzbergs wurde ausgelassen, aber friedlich gefeiert.

49-Jähriger zusammengeschlagen

Ein 49-Jähriger wurde im nordrheinwestfälischen Hamm von einer Gruppe Jugendlicher brutal zusammengeschlagen. Zeugenaussagen zufolge traten fünf bis sieben südländisch aussehende Jugendliche zwischen 16 und 18 Jahren auf den am Boden liegenden Mann ein, wie die Polizei mitteilte. Der schwer Verletzte war beim Eintreffen der Beamten bei Bewusstsein, aber nicht ansprechbar. Er wurde ins Krankenhaus gebracht.

Die Verdächtigen ließen von ihrem Opfer ab und flüchteten, als sie die Zeugen bemerkten. Die Jugendlichen sollen den Angaben zufolge türkisch gesprochen haben. Die Tat trug sich gegen 1.00 Uhr morgens zu.