Von erhöhtem Demonstrationsaufkommen, dem Bürgermob und gefährlichen Unsicherheiten.

Geschafft. Immerhin. Nachdem die Zeit verstrich und selbst der Landesvorstand der Linken in Sachsen ihn darauf hinweisen musste, äußerte sich der oberste Bürger der Stadt, Burkhard Jung, am Dienstag zum massiven Nazi-Aufkommen nach dem Auffinden des getöteten Mädchens. Ebenso wie Pfarrer a.D. Christian Führer und Staatskanzleichef Johannes Beermann verurteilt er die Instrumentalisierung und bittet um Vertrauen in die ermittelnden Beamten (LVZ vom 27.08.08). Zudem verweisen die beiden letztgenannten auf die "Tradition der Montagsdemonstrationen" in Leipzig und verbitten sich eine Vereinahmung. Auf lokaler Ebene schaffte es bisher allerdings nur die Leipziger Internetzeitung, einen Kontext herzuleiten aus der sozialen und wirtschaftlichen Situation in den Stadtteilen Reudnitz, Anger-Crottendorf und Volkmarsdorf, dem massiven Instrumentalisieren der Situation durch Nazis und der Erscheinung eines wütenden, erschreckenden und abstoßenden Bürgermobs.

Dieser Bürgermob soll nun jeden Montag in Erscheinung treten, als Montagsdemonstration von der Schule in der Martinstraße bis zum Augustusplatz ziehen und nach eigenem Bekunden Druck ausüben. Auf wen? Auf die Staatsregierung in Dresden. Denn die müsse ja jetzt nun endlich mal was machen: für mehr Sicherheit auf den Straßen sorgen, die ganzen Sexualstraftäter wegsperren (oder am besten gleich schlachten, wenn es nach dem Willen einiger Nazis gehen würde) und überhaupt, "die da oben" müssten sich doch endlich mal von von ihren platten und vollgefressenen Hintern erheben. Dass "die da oben" in Dresden recht wenig mit Strafgesetzgebung zu tun haben, scheint der "Bürgerinitative aus Anwohnern und Betroffenen" ein bissl wie entgangen zu sein. Aber immerhin, da scheint ein Adressat gefunden, auf den Frust und Hilflosigkeit projeziert werden können. Und Montags auf die Straße zu gehen, das war in Leipzig schon immer schick, und im Fernsehen kommen eh um die Zeit nur die ewig gleichen Serien. Mit dem Vergehen an einem kleinen Mädchen hat das alles recht wenig zu tun. Zwar stehen massiv Kerzen und Plüschtiere und Bilder an der Schule, die Demonstrationen, die bisher stattgefunden haben, forderten jedoch nichts anderes als härtere Strafen bzw. die Todesstrafe für Kinderschänder. Dass eine Strafrechtsverschärfung im Allgemeinen äußerst selten einen Kriminalitätsrückgang nach sich zog, das gehört ebenfalls in die Tüte mit Fakten, die im Leipziger Osten wohl niemand öffnen möchte. Schließlich muss man ja was machen, man ist ja immerhin das Volk. Und genau an der Stelle klackt es bei jedem Nazi, denn wo das Volk ist, da muss der auch hin. Und wer kein Selbstbewußtsein hat, der ist sich zumindest seiner Volkszugehörigkeit bewußt.

 Der Umgang mit der Situation ist heikel, das Themenfeld mehr als brisant. So sehr, dass es einige Tage dauerte, bis sich die üblichen Verdächtigen äußerten, wohl in der Hoffnung, das Reudnitz nur mal wieder kurz braun aufflackert und dann wieder Ruhe gibt. Und niemand scheint die Lösung an der Hand zu haben, wie mensch sich einer Frau Thalheim und Nazis entgegentreten kann, die ja eigentlich im Namen einer getöteten 8jährigen marschieren. Am Dienstagabend trafen sich fast alle Bürgerinitiativen, die sich der Naziproblematik verschrieben haben, um ein gemeinsames Vorgehen zu planen. Bei der geplanten Vorgehensweise darf einem ruhig mal der Hals platzen: der Distanzierung von der Todesstrafe durch Simone Thalheim folgend (sie war Anmelderin am Montag), möchte man das Gespräch mit ihr suchen. Und sollte sich herausstellen, dass die Frau Thalheim nun plötzlich doch ein Problem mit Nazis hat (sie äußerte, dass sie "... keine Probleme mit den Rechten hätte, selbst nun aber auch nicht rechts sei."), dann wolle man sich der Kundgebung anschließen, um Nazis damit den Agitationsraum zu nehmen. Wenn nicht, dann allem Anschein nach eine eigene Veranstaltung im Nikolai-Kirchhof ansetzen.

Kommen wir zurück zur Demonstration vom vergangenen Montag und sehen uns das ganze in 1,2,3,4,5,6 Videos auf youtube an. Selbst wenn sich eine Frau Thalheim ihrer Rechenkünste besinnt und nicht nochmals 200 Nazis übersieht, und selbst wenn sie sich von der Todesstrafe distanziert, dann werden es wohl wieder die gleichen Teilnehmenden sein, die am Montag als Mob durch die Straßen ziehen. Mit plakativen, populistischen und haltlosen Forderungen nach einem Fixpunkt suchend, einem Schuldigen, den man dann lynchen kann, an dem man alles Angestaute loswerden darf.  Auf den bisherigen Demonstrationen in Reudnitz war grundsätzlich die Forderung nach der Todesstrafe zu hören, das mitlaufende Nazivolk war mitnichten zu übersehen, das mehrheitlich vertretene Gedankengut der Teilnehmer tropfte braun in braun. Wer dort mitläuft, und meint, damit das Andenken an ein Kind zu bewahren und die eigene Trauer verarbeiten zu können, dem ist wirklich nicht mehr zu helfen. Und das ist auch kein Raum, den mensch zurückgewinnen möchte. Denn in Reudnitz wächst derzeit zusammen, was zusammen gehört!

Und zum Schluß würzen wir die Fertigmischung "Kühe, Schweine, Ostdeutschland" noch mit ein paar bitteren Zitaten aus der größten "Wir trauern um Michelle"-Gruppe bei studiVZ:

“Am besten ist Schwanz ab und in eine Zelle mit vielen Schwulen setzen.”

“was dieses monster für ne strafe bekommen sollte!??
ihn auf nen stuhl fesseln und grausam quälen,stück für stück sollen solche bestien merken wie es sich anfühlt[..] vernichten klar auf jeden fall aber nicht auf so sanfte art, denn sowas haben solche monster nicht verdient! “

“tötet diese drecksau!!!! mitten auf dem marktplatz steinigen,oder mal den vater der kleinen an den typen lassen!!!!”

“Den Schwanz in Scheiben schneiden und dann ausbluten lassen.”

Nachtrag:

Die Eltern des Mädchens haben sich über ihre Anwältin laut einem Artikel auf Spiegel-Online und einem Artikel in der LVZ geäußert. Sie distanzieren sich deutlich von der Vereinnahmung durch Nazis. Und statt zu trauern, darf der Vater nun auch noch auf seinen Schwager einreden, sein "Engagement für's Volk" gefälligst zu lassen.